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Ronald Schober | INSZENIERUNG: „Dat weer de Leerch“ von Ephraim Kishon am Niederdeutschen Theater Braunschweig 2016
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INSZENIERUNG: „Dat weer de Leerch“ von Ephraim Kishon am Niederdeutschen Theater Braunschweig 2016

„Hier is nich Stratford, Willie!“

Die Niederdeutsche Bühne Braunschweig zeigt Ephraim Kishons Romeo-und-Julia-Satire.

Romeo hat ein Verhältnis. Mit Lisa. Die ist immer zur Stelle, wenn sie gebraucht wird und spendet wohlige Wärme. Lisa ist aus rotem Gummi: Die „Warmbuddel“ als letzter Trost des „olen Ehekrüppels“ Romeo. Bald zwanzig Jahre ist es her, dass er und Julia in Verona dem Tod von der Schippe sprangen. Heute scheint ihre Ehe am Ende. Kann das im Sinne des Erfinders sein?

Die Antwort lieferte am Samstagabend die Premiere von „Dat weer de Leerch“. Das Niederdeutsche Theater Braunschweig spielt die plattdeutsche Variante von Ephraim Kishons Shakespeare-Posse „Es war die Lerche“ als zweites Stück unter der Regie von Ronald Schober.

Selbst bei Romeos (Christian Schärich) alberner Morgengymnastik ist „seine Neue“, die Wärmflasche, dabei. Eine ziemlich wehleidige Demonstration seines Zu-Kurz-Kommens in Sachen körperlicher Nähe. In ihrer Wirkung vielleicht sogar noch gesteigert dadurch, dass es Schärich nie ganz gelingt, seinen grundvergnügten Ausdruck abzulegen.

„Mann, hör op! Du geihst mi op’n Wecker!“ zischt Julia (Sylvia Wedekind) dafür doppelt scharf vom Frühstückstisch herüber. Und guckt – nicht das einzige Mal an diesem Abend – so verbiestert aus dem Morgenmantel, dass einem angst und bange wird. Der traurige Rest vom Traumpaar?

Nein, diese Art Trauerspiel ist natürlich nicht im Sinne des Erfinders. Und der heißt bekanntlich Shakespeare. Kurzerhand kehrt der Dichter zu den Lebenden zurück, um die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Vollendet ausstaffiert mit Wams, Pluderhose und Schreibfeder am Barett, tritt der Meister in die ranzige Wohnküche. Und dank Joachim Koppens eindrucksvoller Shakespeare-Karikatur kommt nun ordentlich Pepp ins Spiel.

Eine Freude, ihm zuzusehen, wie er immer wieder an der zähen Borniertheit seiner eigenen Geschöpfe scheitert. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Sprachgegensatz: Shakespeare, nicht nur wenn er sich selbst zitiert, drechselt unablässig Verse in altbackenem Hochdeutsch. Familie Montague streitet, jammert und flucht auf gut plattdeutsch.

Das sorgt für Kontraste. Und es macht Spaß, wie das Abgehobene hier volkstümlich eins ums andere übergebraten bekommt. Da kann der Dichter noch so flehen: „Das duld’ ich nicht und das verarg’ ich euch! In das Gefild der Liebe kehrt zurück, ins holde Zauberreich der Poesie!“

„Fardig?“, fragt Julia, um nach Shakespeares kleinlautem „Ja“ erst richtig loszulegen: „Dann laat Se sik wat seggen, Meister Shakespeare, Se sünd hier nich in Stratford. In düt Hus hett blots een Minsch dat Recht to bölken, un dat bün ik.“ Da muss einem Feingeist ja der Allerwerteste auf Grundeis gehen.

Wie gut, dass Shakespeare liebreizende Ablenkung findet in Gestalt von Lucretia. Widerborstig mit quäkend-lautem Organ gegen die eigenen Bühnen-Eltern, zuckersüß zu ihrem „Willie“ spielt Gesa Kern die – kaum zu glauben – dreizehnjährige Tochter der Montagues. Ihre wuchtgeladene Darbietung bleibt als weiteres Highlight in Erinnerung.

Braunschweiger Zeitung vom 14.3.2016 von Andreas Eberhard

Dat weer de Lerch

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