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Ronald Schober | HUND in HUND, FRAU, MANN von Sybille Berg, Schlosstheater Celle 2002
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HUND in HUND, FRAU, MANN von Sybille Berg, Schlosstheater Celle 2002

Wie funktionierende Ampeln, nur ohne Verkehr –
Gefühlsarme Romanze zum Lachen und Weinen

Groteske über zwei Singles um die 40

Eine Frau, ein Mann in den besten Jahren, irgendwo zwischen 35 und 45. Sie ist Dolmetscherin, leicht überspannt, nach diversen Beziehungen desillusioniert und lernt ihn kennen, einen Grafiker, beruhigend durchschnittlich, nach zahlreichen Bettgeschichten „deromantisiert“: „Was jetzt noch bleibt, sind die Übriggebliebenen. Sie sind wie funktionierende Ampeln in der Nacht – nur ohne Verkehr.“ Zu Frau und Mann gesellt sich ein Hund, eine „auffällige Fußmatte“ und unwählerisch anhänglich.

Das Gespann „Hund, Frau, Mann“ hat Regisseur Oliver Ernst am Freitag mit der textlichen Vorlage von Sibylle Berg für eine Stunde im Malersaal ihrem Schicksal ausgesetzt. Ein Tisch, eine Decke, Musik im Hintergrund, ein paar Lichteffekte – so sparsam der Einsatz von Requisiten (Ausstattung: Beate Voigt), so gefühlsarm ist die Romanze, die sich anbahnt. Die Frau (Raphaela Crossey) lässt sich aus einer Sonntags-Langeweile heraus mit ihm (Jan Bodinus) verkuppeln. Schon beim ersten Treffen spulen beide ihren „Erstes Rendezvous“-Text ab, der nach der ersten Flasche Wein das Niveau pubertären Geprahles seinerseits erreicht („du, ich kann für zwei Minuten die Luft anhalten!“) und mit der obligatorischen Einladung zum Beischlaf schließt.

Der knuddelige Hund, Ronald Schober im ausgebeulten Frotteeschlafanzug, ist der Einzige, dem, nur beiläufig aber immerhin, echte Zuneigung zuteil wird. Er ist auch der Einzige, der offen ausspricht, wie einsam die beiden in ihrer Beziehung sind. Während Frauchen und Herrchen unter der Bettdecke toben, stürzt der Vierbeiner ans Mikrofon, singt: „Sexualität, Sexualität von früh bis spät“ und gebärdet sich dabei herrlich leidenschaftlich wie ein Teenager, der heimlich im Kinderzimmer Jimi Hendrix imitiert – eine gelungene Lachnummer, die inhaltlich zum Weinen ist.

als HUND in HUND, FRAU, MANN

Sexualität als Ersatz für Liebe, als untrüglicher Beweis für eine funktionierende Beziehung. Ernst gelingt es, die Spannungskurve zu halten. Er stellt die bewusste Primitivität der Aussagen – wenn sie sich einredet, dass sie ja so glücklich ist und er ihr Vorschwärmen mitleidig anhört – gegen Fragen, die er bei den Zuschauern aufbrodeln lässt: Gibt es Glück ohne Kompromisse? Reicht es nicht, zufrieden zu sein? Ist Liebe vielleicht einfach nur schick? Jeder, der sich in dem Stück nicht wiederfindet oder wiederfinden will, darf lachen. Andere müssen lachen, eben weil sie sich wiederfinden. Doch „Hund, Frau, Mann“ schwebt nicht vor humorvoller Leichtigkeit. In dieser krampfigen Beziehung um der Beziehung willen knackst es gewaltig – spätestens als das Paar zusammenzieht um des Zusammenziehens willen. Überzeugend demonstriert Crossey, wie die Glücksfassade der Frau immer größere Risse bekommt, bis hin zum Einsturz. Ihr hysterischer Blick, als sie ihren Partner in ihrer Ausweglosigkeit ans Bett fesselt, indem sie seine Decke am Rand festtackert, vereint Wahnsinn, Angst und Frustration. Auch er, geschwächt von einer psychosomatischen Krankheit, zeigt sich unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Dabei hält Bodinus die Balance, driftet nie ins Clowneske ab, sondern spielt eindrucksvoll die Verzweiflung am Rand des Wahnsinns. Mit „Hund, Frau, Mann“ präsentiert Ernst eine Groteske in ihrer reinsten Form, zeitgemäß und überzeugend. Sehenswert!

Cellesche Zeitung vom 23.9.2002 von Silja Weißer

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