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Ronald Schober | ANDREAS in DREIER OHNE SIMONE von Kristo Sagor, Schlosstheater Celle 2005
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ANDREAS in DREIER OHNE SIMONE von Kristo Sagor, Schlosstheater Celle 2005

Viel Schweiß, viel Stress: Ein Top-Trio in der Hölle

 Drei Menschen zusammengepfercht auf engstem Raum. Eine auf Theaterbühnen viel gesehene und daher langweilige Konstellation? Nicht so in „Dreier ohne Simone“. Das Stück, das am Freitagabend im Malersaal Premiere hatte, fesselt eineinhalb Stunden – dank der zum Teil glanzvollen schauspielerischen Leistung.

In „Dreier ohne Simone” zwängt der Berliner Jungautor Kristo Sagor seine Akteure in die Sartre‘sche Hölle. Für das Premierenpublikum am Freitagabend im kleinen, stickigen Malersaal wunderbar nachvollziehbar. Doch diese Grundkonstellation hat nichts wirklich Neues. So wundert es umso mehr, dass Regisseur Jan Bodinus es schafft, den Spannungsbogen nach wenigen Minuten aufzubauen und ihn mühelos über eineinhalb Stunden (ohne Pause) zu halten.

Psychostress für jeden Einzelnen

Die Story ist simple: Drei Gymnasiasten, zusammengepfercht auf engstem Raum. Jeder steht in dem Verdacht, sich an einer Mitschülerin vergangen zu haben. Selbige tritt nur kurz als summende Tonbandstimme in Erscheinung. Die Schüler sind zum Verhör bei der Schulleitung geladen. Während sie warten, kämpft jeder um sein Überleben, verbündet sich, integriert, versucht als Gewinner aus Duellen zu gehen. Für jeden von ihnen ist die Situation Psychostress pur.

Zwar lässt sich die Lösung der scheinbar alles entscheidenden Frage: Wer war es denn nun? bald erahnen – ist aber für das Stück letztlich irrelevant. Der Fokus liegt auf den Einzelkämpferstrategien: Wer verfügt in dem kleinen Warteraum, einer Mischung aus Schulhof und Turnhalle, die bald zur Arena wird, über das größte psychologische Waffenarsenal? Wer zerbricht an der Situation? Da ist Sven, Simones Freund (Wolfgang Zarnack), ein Schnösel und für Simones Ex-Freund Andreas (Ronald Schober) ein signalrotes Tuch. Und irgendwo dazwischen der schüchterne Eigenbrödler Kai, den Benedikt Selzner kaum besser hätte spielen können. Er versteckt sich unter seinen zu langen Haaren, zuckt bei verbalen Anschlägen unmerklich zusammen und kneift die Augen etwas zu – ganz die Kleinkindmasche: Ich seh‘ dich nicht, also siehst du mich nicht. Albern, überzogen wirkt das nicht – trotz Bärchenwurst auf dem Pausenbrot, Gameboy-Manie und des dusseligen Spitznamens „Nemo”. In Kai steckt kein Spielball der anderen. In ihm schlummert ein Psycho, der‘s genauso gewesen sein kann. Deutlich wird dies in den Monologen, die jedem der Akteure im Lichtfokus zustehen. Während die jeweils anderen beiden wie eingefroren in ihren Posen verharren, spricht sich einer die Wahrheit von der Seele. Auch hier überzeugt Selzner mit seiner unbedarften Körpersprache. Ebenso wie Schober, dem man die Impulsivität ohne weiteres abkauft.

Applaus für schweißtreibendes Finale

Streckenweise etwas zu überzogen wirkt das Spiel von Wolfgang Zarnack. Unterschwellige Aggressivität hätte der Rolle besser gestanden als die plötzlich cholerischen und zu lauten Wutausbrüche. Dafür entschädigen die schön gespielten Facetten des Charakters, der sich irgendwo zwischen schnöseligem Besserwisser und arrogantem Fatzke bewegt. Zum Schluss geben sie alle alles. Jeder verdächtigt und wird verdächtigt. Sie brüllen sich an, schwitzen aus allen Poren, sauen sich mächtig mit dem weißen Carrara-Kiesel auf dem Boden ein, bis sie völlig ausgepowert vor dem Publikum stehen. Und das belohnte die schauspielerische Leistung mit lang anhaltendem Applaus. Zu Recht.

Cellesche Zeitung vom 10.5.2004 von Silja Weißer

 

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